03.02.2026
«ADHS wird immer mehr als Ganzes verstanden»
ADHS wird häufiger bei Jungen entdeckt, weil sie oft einen starken Bewegungsdrang haben. Mädchen mit AD(H)S sind eher verträumt oder verpeilt. (Bild: Alonso Reyes/Unsplash)
Welcher Zusammenhang besteht zwischen ADHS und Konsum?
Menschen mit ADHS sind anfällig dafür, eine Sucht zu entwickeln, weil sie in einem besonderen Ausmass regulatorische Schwierigkeiten haben. Das Risiko, dass sich der Konsum ausweitet, ist grösser, weil man nicht lernt, diese Funktionen anders zu erfüllen.
Was heisst «regulatorische Schwierigkeiten»?
Wenn man etwa nur schwer ruhigsitzen kann. Der Konsum einer beruhigenden Substanz hilft gegen die übermässige Aktivität und beruhigt einen.
Konsumieren Menschen mit ADHS deshalb vor allem Cannabis?
Klassisch versuchen Betroffene Selbstmedikation mit Cannabis, um das generell erhöhte Aktvitätsniveau zu senken. Jemand, der zum Beispiel soziale Ängste hat – das ist eine andere suchtgefährdete Gruppe –, ist anfälliger dafür, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln. Der Alkohol löst die Beklemmung in sozialen Situationen. Wenn eine Substanz einem genau da hilft, wo man regulatorische Schwierigkeiten hat, besteht die Gefahr, eine Sucht zu entwickeln, weil man dies als sehr positiv erlebt und sich die Kehrseite verzögert zeigt.
Was läuft bei Menschen mit ADHS im Gehirn ab?
Vereinfacht gesagt haben Betroffene eine niedrigere Dopaminkonzentration im Frontalhirn. Deshalb hat man weniger Kontrolle über die Motorik, die Aufmerksamkeit, die Impulse. Der Präfrontalkortex ist fürs Aufgabenmonitoring zuständig, für sämtliche Kontrollfunktionen. Er überwacht: Welcher Teil vom Gedächtnis ist grad aktiv am Verarbeiten? Wer eine gängige Dopaminkonzentration hat, bei dem läuft die Kontrolle gut. Wer zu wenig Dopamin hat, der hat die Aufmerksamkeit und die Impulse weniger im Griff.
© Suchtfachstelle Zürich
«Menschen mit ADHS sehen eher die Chancen als die Risiken. Sie denken: Spannend, cool, mache ich. Dass es zu viel sein könnte, wird ihnen erst verzögert bewusst.»
Patrick Bätschmann, Psychotherapeut
Ist Dopamin nicht auch ein Belohnungshormon?
Doch. Wie alle Neurotransmitter ist Dopamin an verschiedenen Funktionen beteiligt, stark an Aufmerksamkeit, Impulsen, auch an Bewegung. Es ist zudem der Neutrotransmitter, der ausgeschüttet wird, wenn man Belohnung erleben soll. Das wirkt im ganzen Motivationsbereich des Menschen, von der Ernährung bis zur Sexualität. Durch den Mangel hat man weniger Impulskontrolle. Aus Persönlichkeitsbetrachtungen weiss man, dass Menschen mit ADHS belohnungs- und weniger risikosensitiv sind.
Was bedeutet das?
Man sieht eher die Chancen als die Risiken. Währenddem Menschen, die eher introvertiert-labil sind, eher risikobewusst und nicht so belohnungssensitiv sind. Jemand mit einer Angststörung zum Beispiel überlegt sich eher, was alles schief gehen könnte. Jemand mit einem ADHS denkt: «Spannend, cool, mache ich.» Dass es doch zu viel sein könnte, wird ihm erst verzögert bewusst.
Welche Funktion übernimmt der Konsum für die Betroffenen?
Es gibt verschiedene Funktionen. Selbstmedikation ist verbreitet, vor allem bei Jugendlichen. Das Cannabis fährt einen zu stark getunten Motor ein bisschen runter, damit er den Alltagsanforderungen entspricht. Du kannst in der Schule besser stillsitzen und dich konzentrieren – auch wenn das zuerst paradox klingt. Mit ADHS hat man immer sehr viele parallele Gedanken. Wenn dieses Gedankengetöse etwas gedämpft wird, fällt einem die Selektion der Gedanken und somit die Konzentration einfacher.
Geht es ADHSler*innen auch darum, am Abend runterzufahren und zum Beispiel einschlafen zu können?
Beruhigen ist ein Punkt. Das mit dem Einschlafen ist wie die Frage nach dem Huhn oder Ei: Haben ADHsler*innen grundsätzlich Schwierigkeiten mit dem Einschlafen oder können sie nicht mehr Einschlafen ohne Cannabis, wenn sie schon eine Weile konsumieren?
Tatsächlich haben ADHS-Betroffene einen verzögerten Schlaf-Wach-Rhythmus. Man ist also nicht schon um 22 Uhr müde sondern vielleicht erst um 24 Uhr. In vielen Familienberatungen ist das ein Thema, wenn das Kind noch nicht müde um 22 Uhr ins Bett gehen soll, weil die Schule am nächsten Tag früh beginnt.
Patrick Bätschmann, Psychotherapeut Suchtfachstelle Zürich
Sind ADHS-Betroffene auch von Verhaltenssüchten betroffen?
Es gibt eine Vulnerabilität für Medienkonsumstörungen und öfter auch für Pornografie-Sucht. Das hat zum einen mit der verminderten Impulskontrolle zu tun, zum anderen mit dem Dopaminsystem. Medienkonsum und Pornos sind auf stetige Dopaminausstösse und verminderte Impulskontrolle ausgerichtet. ADHS-Betroffene fühlen sich zudem bei überstimulierenden Reizumgebungen entspannt. Schnelle, hektische Schnitte wie zum Beispiel in Tiktok-Videos, helfen ihnen, den Fokus zu halten. Einem Film in einem normalen Tempo haben sie eher Mühe zu folgen, sie schweifen ab. Man fühlt sich noch wohl mit dichtem Input, der für das Gehirn recht anspruchsvoll ist. Das zieht häufig eine grosse Erschöpfung nach sich.
Sind eher Männer oder Frauen betroffen von der Kombination ADHS und Sucht?
ADHS kommt häufiger bei männlichen Kindern und Jugendlichen vor. Das kann aber auch am stärkeren Bewegungsdrang liegen. Kurz gesagt stören Jungs mit ADHS den Unterricht mehr und werden eher zum Schulpsychologen geschickt. Mädchen mit AD(H)S sind eher verträumt und verpeilt und werden seltener abgeklärt.
Wie unterscheiden sich männliche und weibliche Betroffene?
Aus der Praxiserfahrung kann ich sagen, dass bei Mädchen mit ADHS häufiger der Medienkonsum das Hauptproblem ist, bei Jungen eher Cannabis. Das heisst aber nicht, dass sie nicht auch viel auf Social Media scrollen oder gamen.
Du gehst offen damit um, dass du selbst ADHS hast. Wann in deinem Leben wurde das festgestellt?
Ich stellte das in der späten Jugend und immer mehr im Studium fest.
Fiel dir die Zeit im Gymnasium in dem Fall leicht?
(lacht) Wenn man den Notenschnitt anschaut: ja. Wenn man schaut, welchen permanenten Struggle ich hatte: nein. Prüfungen und Termine im Überblick zu halten, vorausschauend zu planen, Zeitmanagement – darin war ich katastrophal. Ich stellte oft erst am Vorabend fest, dass ich am nächsten Tag eine Prüfung habe und musste mir dann den ganzen Stoff an einem Abend reinpauken. Dank guter Merkfähigkeiten bekam ich es meistens doch hin. An der Uni gab es nie eine Deadline, bei der ich keine Angst hatte, die Abgabe nicht zu schaffen. Es war alles andere als easy. Ich bin trotzdem stolz, dass ich es geschafft habe.
Patrick Bätschmann, ADHS-Betroffener
Du bist Psychologe und hast nach dem Studium berufsbegleitend auch noch die Psychotherapieausbildung absolviert. Wie war das möglich trotz ADHS?
ADHS hat nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit Defiziten im Selbstmanagement, die erschweren, das ganze Potenzial abzurufen. Deshalb sieht man oft, dass ADHSler*innen in der Primarschule noch gut mitkommen, in der Oberstufe wird es aber immer schwieriger, im Gymi dann ganz zäh. Das hat nicht mit dem schwierigeren Stoff zu tun, sondern mit steigenden Anforderungen ans Selbstmanagement, zum Beispiel indem man verschiedene längere Projekte parallel organisieren muss. Ich trainierte meine Konzentration laufend, und bin immer noch dran. Ich kann mich inzwischen ziemlich gut konzentrieren.
Hast du eine offizielle Diagnose erhalten?
Ich begann mir als 20-Jähriger Gedanken darüber zu machen. Um die 30 Jahre herum bestätigte sich die Diagnose immer mehr, auch im Rahmen meiner Therapieausbildung. Weil das Selbstmanagement schon sehr anstrengend ist, entschied ich mich schliesslich, Medikamente für ADHS auszuprobieren, und es erfolgte auch eine offizielle psychiatrische Abklärung. Rückblickend war meine Selbst-Diagnosestellung sehr treffend (lacht).
In welchen Situationen nimmst du jetzt das ADHS-Medikament ein?
Ich nehme es regelmässig, weil ich es besser finde, Gewohnheiten aufzubauen. Man fühlt sich insgesamt schon etwas anders. Ich musste die Balance finden.
Manche ADHS-Betroffene sagen, dass sie Medikamente eher dämpfen und sie damit auch Fähigkeiten verlieren, zum Beispiel ein besseres Sensorium für andere.
Einer meiner älteren Klienten sagte, er wolle nicht, dass seine Spitzen wegfallen. Er meinte damit, dass das emotionale Erleben als ADHSler intensiver ist. Betroffene können sich ab kleinen Dingen enorm freuen. Das möchte ich auch nicht missen. Gleichzeitig finde ich, dass ich eine gute Balance habe: Ich habe die intensiv-euphorischen Momente noch, aber trotzdem ein bisschen mehr den Fokus. Es geht darum, diesen Sweet Spot zu erwischen.
Was meinst du damit?
Der Sweet Spot ist der ideale Punkt zwischen positiver Wirkung eines Medikaments und dem Ausbleiben negativer Folgen. Dieser hängt enorm von der idealen Dosierung ab. Viele Kinder sind leider völlig überdosiert, Hauptsache ihre Probleme sind weg. Ob sich die Betroffenen noch gut fühlen, ist zweitrangig. Das Medikament sollte mehr zum stillen Begleiter werden, der sie ausbalanciert und nicht schwankende Effekte hervorruft. Für einen guten Umgang mit ADHS sind zusätzlich therapeutische Strategien nötig. Das Ziel soll sein, besser zu funktionieren und sich trotzdem noch als sich selbst zu fühlen.
Hilft dir deine Sichtweise als Betroffener in der Therapie von anderen Personen?
Ja sehr. Zum einen fällt es mir leicht, echtes Verständnis für die Schwierigkeiten des Gegenübers zu entwickeln. Zeitmanagement oder Pünktlichkeit sind zum Beispiel brutal anspruchsvoll. Das weiss ich auch aus meiner letzten Partnerschaft: Meine Ex-Freundin brachte fast nicht in Einklang, dass ich zwar hochfunktional und intelligent bin, aber banale Alltagsdinge nicht schaffte.
Zum anderen habe ich einen Vorsprung: Ich sehe auch die Stärken, die ADHSler*innen haben. Nicht zuletzt bin ich ein gutes Beispiel, um den Jugendlichen zu zeigen, dass ich auch meine Schwierigkeiten habe, sie aber überwinden kann. Menschen lernen eher von ähnlichen Modellen als von weit entfernten. Meine eigene Erfahrung wirkt glaubwürdiger als eine Übung aus einem Buch.
Heute wird auf Social Media ein eher positives Bild zelebriert: Viele tragen ihre ADHS-Diagnose mit Stolz. Neurodivergenz ist in.
Absolut. ADHS wird erfreulicherweise immer mehr als Ganzes verstanden, das neben den genannten Schwierigkeiten auch Stärken umfasst, etwa Mut und Kreativität. Im sozialen Kontakt sind Betroffene zudem häufig sehr feinfühlig, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so wirken mag. Leider zeigt unsere Gesellschaft aber immer noch viel zu wenig Verständnis für die Schwierigkeiten im Selbstmanagement, die ADHSler*innen haben.