26.05.2026
Einsamkeit und Sucht
Die Betroffenen sehen sich gezwungen, sich zurückzuziehen, um ungehemmt ihrer Sucht nachzugehen. (Bild: Arzu Sendag/Unsplash)
Um es vorwegzunehmen: Sucht führt nicht kausal zu Einsamkeit, das wäre ein zu vereinfachender Schluss. Aber auch die Erklärung, Menschen würden zu viel Alkohol konsumieren, weil sie einsam sind, ist zu kurz gegriffen. Es ist vielmehr so, dass Zwischen Alkohol und Einsamkeit ein Wechselspiel besteht. «Beide können Auslöser, Verstärker und Folge voneinander sein», sagt Karin Schödler. Die Sozialberaterin hat für ihre Masterarbeit in Sozialer Arbeit mit Menschen gesprochen, die angaben, alkoholsüchtig (gewesen) zu sein und Einsamkeitsgefühle zu kennen.
Menschen können versuchen, mit Alkoholkonsum unangenehme Gefühle wie Einsamkeit zu bewältigen. Einsamkeitserleben erwies sich für alle Befragten als relevanter Konsumgrund.
Sie unterschieden Einsamkeit jedoch deutlich von Alleinsein, das sie als neutral oder als positiv empfinden. Sie beschrieben Einsamkeit als ein «Aussenseiter-Gefühl» und ergänzten, man könne sich einsam fühlen, wenn man alleine sei, aber durchaus auch in Gesellschaft.
Einsamkeit als Grund zum Trinken …
Die Befragten lebten alle seit wenigen Monaten bis zu mehreren Jahren abstinent. Ein Mann über dem Pensionsalter gab an, er habe Alkohol getrunken, weil viele seiner Freunde gestorben seien und er ein Bedürfnis nach menschlicher Nähe gehabt habe.
Von einem Mangel an Kontakten und Unzufriedenheit mit sich selbst, sprach ein anderer. Er fand in seinen «Saufkumpanen» oberflächliche Freunde. Seit er aber abstinent lebt, kann er wieder die langjährigen, tieferen Freundschaften und auch eine partnerschaftliche Beziehung pflegen.
Von einem «inneren Alleinsein» und einer gefühlten Bedeutungslosigkeit, sprach eine weitere Person. Die seelische Not blieb unsichtbar. Sie zog sich immer mehr zurück und war lieber allein. Das führte dazu, dass sich als Reaktion auch ihr Umfeld zurückzog, was wiederum ihr Gefühl von Nichtbeachtung verstärkte.
… und als Folge des Trinkens
Einsamkeit wurde auch als Folge der Abhängigkeit beschrieben. Eine Frau sagte, sie habe sich für ihre Sucht geschämt und sie vor ihrer Familie geheim gehalten. Gerade dieses schamhafte Verstecken habe das Gefühl von Einsamkeit hervorgerufen.
Einsamkeit kann also nicht nur mit einem Mangel an Kontakten erklärt werden – ein objektiver Faktor, der zu Einsamkeit führt –, sondern entspricht vielmehr einem subjektiven Erleben. Fast alle Betroffenen berichteten, sich mit ihren Erfahrungen der Alkoholproblematik allein und isoliert gefühlt zu haben.
© Karin Schödler
Wie die Dynamik zwischen Einsamkeit und Sucht erlebt wird.
Der Teufelskreis
Der Konsum von Alkohol hat eine doppelte Rolle: Einerseits dient er als Mittel, um unangenehme Gefühle wie Einsamkeit zu bewältigen. Andererseits führt er dazu, dass Rückzug notwendig wird. Durch den Kontrollverlust und die Vernachlässigung anderer Interessen – zwei der Diagnosekriterien von Sucht – sehen sich die Betroffenen gezwungen, sich zurückzuziehen, um ungehemmt ihrer Sucht nachzugehen. Alkohol ist sowohl Mittel als auch Ziel.
Es entsteht ein Teufelskreis: Je mehr getrunken wird, desto weniger sozialer Kontakt besteht. Das wiederum verstärkt das Einsamkeitsgefühl und fördert weiteren Konsum
Die Scham
Sowohl Alkoholsucht als auch Einsamkeit lösen Scham aus, weil beide als Defizit wahrgenommen werden. Karin Schödler zitiert einen Einsamkeitsforscher: «Kaum ein Gefühl macht einsamer als Scham.» Diese verstärkt den oben genannten Teufelskreis: Scham macht einerseits einsam und ist andererseits massgebliche Triebkraft, um sich zurückzuziehen und Alkohol zu trinken. «Dieser zirkuläre Prozess ist schwer zu durchbrechen», sagt die Sozialberaterin. Alkohol wird als Tröster empfunden oder als Freund.
Im Gespräch mit der Forscherin nannten die Befragten aber auch konstruktivere Strategien, um auf Einsamkeitsgefühle zu reagieren: das Gefühl bewusst aushalten, ein Haustier kaufen, sich ablenken mit anderen Tätigkeiten wie einem Hobby.
Einsam, auch in der Abstinenz?
Dass die Einsamkeit nicht allein eine Folge des Alkoholkonsums ist, zeigt sich auch daran, dass sie nach der Abstinenz nicht verschwindet. Mehrere Befragte gaben an, dass sie durch ihre immer noch anhaltenden Einsamkeitsgefühle die Sinnhaftigkeit ihrer Abstinenz anzweifelten. «Wieso mache ich das?», fragten sie sich. Im Einsamkeitserleben bestehe also ein erhebliches Rückfallrisiko, stellte die Sozialberaterin fest.
Die Einsamkeit ist am Entstehen einer Sucht beteiligt und auch an ihrer Aufrechterhaltung. Wolle jemand mit dem Trinken ganz aufhören, lohne es sich, die Einsamkeit in der Suchttherapie immer im Blick zu behalten und sie auch zu benennen, betont Karin Schödler. Einsamkeit ist ein Risikofaktor dafür, eine Sucht zu entwickeln und auch Rückfälle zu erleiden. Deshalb lohne es sich soziale Bindungen als Schutzfaktor zu stärken.