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«Es hat mir geholfen, mein Suchtverhalten besser zu verstehen und Ziele für mein eigenes Konsumverhalten festzulegen und umzusetzen.»
G. D.

12.08.2026

«Manchmal mussten wir alleine Zmittag machen»

Marco (Name geändert), der heute Anfang zwanzig und voller Lebensfreude ist, wuchs mit einer alkoholabhängigen Mutter auf. Er haderte damit, dass lange Zeit niemand in seinem Umfeld seiner Schwester und ihm half, obwohl die Krankheit seiner Mutter unübersehbar war.

«Manchmal mussten wir alleine Zmittag machen»

Manchmal reichte die Kraft der Mutter nicht, um Mittagessen vorzubereiten, und Marco sass als 6-Jähriger alleine am Tisch (Symbolbild: Unsplash/Annie Spratt).

Sabine Arnold

Marco kommt bald seit zehn Jahren regelmässig in die Suchtfachstelle Zürich. Zuerst nahm er in der Wigwam-Gruppe für Kinder suchtkranker Eltern teil, die alle zwei Wochen stattfindet. Ab einer gewissen Zeit nahm er dann auch Einzelsitzungen bei einer Psychotherapeutin wahr. In der letzten Phase kam er nur noch «bei Bedarf», vielleicht zwei Mal jährlich. «Ausschleichen» nennt er das, um herauszufinden, ob er die Therapie als Stütze noch brauchte. In einigen Wochen ist ein Abschlussgespräch geplant. Marco lacht erstaunt. «Das fühlt sich gut und merkwürdig zugleich an. Ich hatte immer dieses Auffangnetz.»

Momentan braucht der Student das Netz nicht mehr, er konnte in den letzten Jahren für sich ein neues erschaffen. Ihm geht es heute sehr gut. Er weiss, was er will, verspürt Lebensfreude, viel Drive. In einem Jahr beendet er seine Therapie-Ausbildung und zieht mit seiner Partnerin zusammen. Die Katzen, die in der gemeinsamen Wohnung leben sollen, hat er bereits. Er übernahm sie von seiner Mutter, die kürzlich gestorben ist. Sie war erst 57 Jahre alt.

Dem jungen Mann kommen die Tränen, als er von ihrem Tod erzählt. Sie habe viele Krankheiten gehabt, COPD, neurologische Schmerzen, Wasser in den Beinen. Sie wurde immer bettlägeriger und von der Spitex betreut. Eines Morgens wachte sie nicht mehr auf. Ihr Sohn hofft, dass sie friedlich gehen durfte und ihr auf diese Weise auch viel Schmerz erspart geblieben sei.

Joghurt zum Mittagessen

Marcos Mutter hat einen langen Leidensweg hinter sich. Sie war vermutlich schon in jungen Jahren alkoholabhängig, noch vor der Geburt von seiner älteren Schwester und ihm. 

Als er sechs Jahre alt war, liessen seine Eltern sich scheiden. Die Kinder blieben bei der Mutter, besuchten den Vater vor allem am Wochenende und in den Ferien. «Mamis Alkoholkonsum wurde nach der Trennung exzessiver. Eigentlich konnte sie die Verantwortung für uns Kinder kaum noch tragen.» Manchmal hörte sie nicht, wenn die Kinder am Mittag an der Tür läuteten, weil sie tief und fest schlief, im Alkoholrausch und vor allem noch betäubt von Schlafmitteln, die sie damals brauchte. Manchmal stand kein Mittagessen auf dem Tisch. Die Kinder, damals noch in der Unterstufe, mussten sich ein Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen oder bei den Nachbarn essen, wenn diese sie einluden.

Morgens kamen die beiden oft zu spät zur Schule, Marcos Schwester fast chronisch. Die Schule reagierte nie darauf, suchte nie das Gespräch mit den Eltern, die Lehrpersonen sprachen die Kinder nie auf die Situation zu Hause an, die ihnen kaum verborgen bleiben konnte. Marco war stets ein guter Schüler und zeigte im schulischen Kontext keine Schwierigkeiten. Seine Schwester hingegen hatte Lernschwächen. Er und seine Schwester hätten Hobbys gehabt, seien im Turnverein gewesen, die Schwester habe Nachhilfe erhalten. «Vieles hat funktioniert und vermittelte gegen aussen das Bild: Es ist alles in Ordnung in dieser Familie.»

Auch die Nachbarn haben den offensichtlichen Missstand nie thematisiert, auch wenn sie die Kinder ab und an zum Basteln oder Spielen einluden. Der Alkohol machte die ohnehin schon impulsive Frau aggressiv. Sie liess es häufig an den Kindern aus. Marco sagt: «So laut wie Mami war: Die Nachbarn haben sie bestimmt gehört und hätten uns helfen müssen.» Wenn sich die Nachbarn nicht trauten, die Sache direkt anzusprechen, was auch verständlich sei, hätten sie nach so vielen Vorfällen eine Meldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) machen können, findet er. 

«Soweit ich mich erinnere, sprach die Beiständin mit mir nur über die Schule, und dort lief es ja gut».
Marco (Name geändert), lebte zirka ab 11 Jahren beim Vater

Die Kinder trauten sich nicht, Hilfe zu holen, aus Angst vor der Reaktion der Mutter, aus Scham und auch, weil ihnen lange nicht bewusst war, dass diese Umstände abnormal waren. Sie spürten, dass die Umstände falsch sind, doch da niemand einschritt und half, hatten sie lange das Gefühl verinnerlicht, dass sie nicht das Recht hätten, sich zu beschweren oder Hilfe zu suchen. Das ging ungefähr fünf Jahre so, bis die Kinder einmal in den Sommerferien mit dem Vater über den Alkoholkonsum der Mutter sprachen und die Vernachlässigung, die sie seit Jahren erlebten. Der Vater wurde stutzig, fragte nach. Irgendwann lag dann die ganze Wahrheit auf dem Tisch. Der Vater beschloss: Die Kinder sollten fortan bei ihm leben und dafür würde er sich einsetzen.

So einfach war das aber nicht. Die KESB und die Beiständin der Kinder waren auf der Seite der Mutter, ohne je einen Spontanbesuch zu veranlassen, um die Situation zu prüfen. Sie stützten sich lediglich auf Gespräche mit den Beteiligten. Seine Beiständin habe mit ihm nur über die Schule gesprochen, soweit Marco sich erinnern kann, «und dort lief es ja gut». Die Behörden beschlossen, die Obhut bei der Mutter zu lassen, obwohl die Kinder sagten, sie hätten Angst. Ihr Vater kämpfte weiter um sie, intervenierte erneut.

Dann endlich kehrte sich das Blatt, und die Kinder durften zum Vater und seiner neuen Partnerin ziehen, in eine andere Stadt. Marco war damals in der fünften Klasse. Zu Beginn lebten sein Vater, seine Schwester und er mit der Partnerin und ihren zwei Kindern im gleichen Haushalt. Später, als Marco und seine Schwester ins Teenageralter kamen, teilten die beiden Familien sich auf verschiedene Wohnungen auf, blieben aber in Gehdistanz. Die Kinder verstanden sich auf Anhieb gut. Heute noch gehen alle zusammen in die Ferien.

Schwarz und weiss

Marcos Mutter war verletzt, als die Kinder zum Vater zogen, «obwohl sie selbst eigentlich wusste, dass sie in ihrem Zustand nicht für uns sorgen konnte». Sie brach mehrere Psychiatrieaufenthalte und Entzüge über Jahre hinweg ab. Marco stoppte zuerst den Kontakt zu Mutter ganz, telefonierte dann ab und an wieder mit ihr oder besuchte sie. Weil sie sich in solchen Momenten sofort an die Kinder klammerte und darum bat, sie sollten wieder zu ihr zurückkommen, war das für sie sehr schwierig. Marco lernte unter anderem an der Suchtfachstelle Zürich einen Umgang mit der Mutter zu finden. 

Im Erwachsenenalter schliesslich entschied er sich zuerst bewusst für telefonischen Kontakt mit ihr, der ihm erlaubte die Kontrolle zu behalten. «Ich musste akzeptieren, dass sie ihren Weg selbst wählt und ich nicht finde, dass es mein Recht ist, darüber zu urteilen. Ich kann aber meine Grenzen für mich setzen und mich an diese halten. Wenn sie mich beispielsweiseverbal angriff, konnte ich den Telefonhörer auflegen und wieder mehr Distanz gewinnen. Ich konnte mir das nicht mehr antun.» Sie habe sich stets ein paar Tage später entschuldigt, und das Gespräch lief wieder gut. Marco war bewusst, dass es die Alkoholsucht war, die sie so anklagend machte und ihr Schwarz-weiss-Denken verstärkte. «Entweder vertraute sie mir oder sie machte mir böse Vorwürfe. Das konnte innert kürzester Zeit kippen.»

«Wieso hat niemand gehandelt, als wir noch Kinder waren? Wieso haben alle weggeschaut?»
Marco (Name geändert), Anfang zwanzig

Seine Mutter habe selbst eine sehr schwierige Kindheit und Jugendzeit erlebt, sagt Marco. Ihre Ursprungsfamilie habe über Probleme nur geschwiegen. Erst mit zwanzig Jahren habe sie etwa erfahren, dass ihr Vater nicht ihr leiblicher Vater ist. Marco spricht von Traumata und vermuteter sexueller Gewalt. Genaueres weiss er nicht. Was er aber weiss: Sucht kann alle treffen. Sie komme selten allein, es gebe immer einen Grund dafür. Seine Mutter zum Beispiel habe ihre körperlichen und seelischen Schmerzen betäubt. «Dies war ihre Coping-Strategie, um zu überleben.»

Was hat Marco auf seinem Weg zum Erwachsensein gestärkt? Neben seiner Familie die Schule, die ihn abgelenkt und ihm Normalität vermittelt habe, die therapeutische Begleitung in der Suchtfachstelle Zürich, seine Hobbies und Gespräche mit Freund*innen. Gleichzeitig habe er eine Zeit lang mit einem Gefühl von Unverständnis gehadert. «Wieso hat niemand gehandelt, als wir noch Kinder waren? Wieso haben alle, unsere Familie und unser soziales Umfeld, so lange weggeschaut?» Als Volljähriger forderte er ein klärendes Gespräch mit der Familie seiner Mutter. Er habe für sich einen Knopf lösen wollen. Die meisten seiner Verwandten hätten Mitgefühl und eine gewisse Reue gezeigt in diesem Moment, ausser seinem Grossvater. Der sagte nichts, sondern legte ihm ein Buch hin mit dem Titel «Dein Weg zum Glücklichsein. Das war für Marco wie eine Ohrfeige und ein Aha-Moment zugleich. Gefühle wurden in dieser Familie offensichtlich nicht von allen ernst genommen oder besprochen, im Gegenteil. Es wird erwartet, dass man schweigt. Er hat sich in den darauffolgenden Jahren von dieser Seite der Familie langsam distanziert.

Versöhnlicher Moment zum Schluss

Kinder von suchtkranken Eltern tragen ein höheres Risiko als andere, selbst eine Sucht zu entwickeln. Hat Marco Angst davor? Nein, sagt er. Er habe nie geraucht, möge Alkohol nicht mal riechen und brauche keine Substanzen, um sich zu betäuben oder locker zu machen. Auch vor einer psychischen Erkrankung fürchte er sich nicht, er wüsste ja, wie er sich professionelle Hilfe holen könnte und kenne sich und die Grenzen seiner Resilienz mittlerweile ziemlich gut.

Ein paar Monate vor ihrem überraschenden Tod hatte Marco einen äusserst versöhnlichen Moment mit seiner Mutter. Zusammen mit seiner Partnerin besuchte er sie in ihrer Wohnung, sieben Jahre, nachdem sie sich das letzte Mal getroffen hatten. «Alles war picobello geputzt und aufgeräumt. Mami hatte zudem ein Schokoladenmousse vorbereitet. Das muss sie alles sehr viel Anstrengung gekostet haben.» Sie verbrachten sechs harmonische und auch lustige Stunden zusammen. Später gratulierte er ihr zum Muttertag. Zwei Wochen später war sie tot.

Jetzt regelt Marco ihren Nachlass und denkt mit viel Mitgefühl an seine Mutter zurück, «aber ohne negative Gedanken. Ich weiss ohne Zweifel, dass sie uns immer geliebt hat. Mehr als sich selbst». Als Quelle für seine Lebensfreude hat er Reisen für sich entdeckt und freut sich schon darauf, nach dem Studium einen längeren Trip nach Indonesien zu machen. 

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